- Softwaretools erleichtern seit Jahren die Arbeit von Designern. Nun sind auch die Probleme gelöst, die bisher an den Schnittstellen zu diversen CAD-Systemen auftraten.
Klick ersetzt haptisches Erlebnis
Im oberbayrischen Seefeld am Pilsensee, 20 km vom Münchner Stadtrand entfernt, hat ein Team von sechs Industriedesignern um den Inhaber und Geschäftsführer Hans-Georg Kasten einen Standort gefunden, der genau zur Aufgabenstellung passt: die Entwicklung von Produkten für Sport und Freizeit. Neben Schutzhelmen für Skifahrer, Radfahrer und Reiter, Skibindungen und Fitnessgeräte gestalten die Seefelder Designer auch Autos, Motorräder, Sanitärausstattung oder Industrieausrüstungen. Zu den Kunden zählen namhafte Firmen wie Porsche, Audi, BMW, Casco, Dynafit, Marker oder Völkl.
Schon Anfang der 90er Jahre beschäftigte sich das Team mit den frühen digitalen Design-Werkzeugen von Evans & Sutherland, deren Flächenmodellierung bei einigen Kunden der Automobilindustrie damals eine wichtige Rolle spielte. Hans-Georg Kasten erzählt: „Mitte der 90er Jahre trat Alias auf den Plan und beeindruckte uns durch seine dynamische Entwicklung und seine Funktionen für die Mechanikkonstruktion." Auf Wunsch eines Kunden unternahm er auch Versuche mit einem anderen System, die aber nicht zum Erfolg führten. „Die Alias-Software bot uns schon damals das größte Spektrum an Möglichkeiten und uneingeschränkte Funktionen."
Er beschaffte Alias für einen Arbeitsplatz und kam lange damit aus. Anfangs gab es noch einen Problembereich, der heute nahezu verschwunden ist: „Der Datenaustausch mit den diversen CAD-Systemen stieß immer wieder auf Hindernisse. Diese Schnittstellenprobleme sind heute weitestgehend ausgemerzt." Zu diesem Fortschritt habe auch Autodesk beigetragen, seit die Firma die Alias-Entwicklung vor drei Jahren übernommen habe. Heute arbeitet das Target-Design-Team mit drei Lizenzen von Autodesk Alias Design. Die Arbeitsplätze sind mit Pen-Displays ausgestattet, die für das konzeptionelle Zeichnen den größten Komfort bieten. „Bei den Mitarbeitern ist das elektronische Skizzier- und Design-Werkzeug nicht mehr wegzudenken." Das Tool wird ständig verbessert und erweitert. „Wir müssen nur immer die Zeit finden für die Installation und die Einarbeitung der Mitarbeiter", meint Rolf Schiller, Designer und erfahrener Alias-Anwender, der die Software schon im Studium an der Hochschule in Pforzheim kennenlernte.
Modellwerkstatt ist nicht mehr nötig
Im Jahr 2000 richteten die Designer eine 300 m2 große Modellwerkstatt ein. „Der handwerkliche Modellbau galt noch als unverzichtbar", so Kasten. Diese Modellwerkstatt gibt es nicht mehr. „Heute entwerfen wir nur noch virtuelle Modelle." Wenn er ein physisches Modell braucht, lässt er es in der Regel im Rapid-Prototyping-Verfahren erzeugen. „Das ist die gravierendste Veränderung, die Alias in unserem Job bewirkt hat." Eine Ausnahme bildet der Automobilbau, wo nach dem Datenmodell noch ein Clay-Modell gefräst und manuell nachbearbeitet wird. Kasten freut sich über einen weiteren Vorteil: „Unser Papierverbrauch ist enorm geschrumpft und inzwischen eine vernachlässigbare Größe." Nur noch erste Ideen und Brainstorming-Ergebnisse halten die Designer auf Papier fest. Alle Entwürfe, die den Kunden präsentiert werden, zeichnen sie ausschließlich digital am Computer. „Das kann so weit gehen, dass den Entwurfszeichnungen exakte 3D-Studien in Alias vorausgehen, um räumliche Verhältnisse zu klären", so Kasten.
2D-Entwürfe bleiben Diskussionsbasis
Trotzdem bleiben die freihändigen 2D-Entwürfe die Basis für die ersten Diskussionen mit den Kunden. Die Formfindung und Meinungsbildung soll nicht zu früh und einseitig fixiert werden. Die optimale Lösung entsteht immer im Team zusammen mit dem Auftraggeber, und dazu sind mehrere iterative Schritte notwendig. Die Zwischenschritte sind allerdings in digitalen Skizzen einfacher zu realisieren, weil Modifikationen und Anpassungen am Computer schneller von der Hand gehen. Das elektronische Skizzieren auf einem Pen-Display kommt dem natürlichen Zeichnen auf Papier mit verschiedenen Stiften, Kreiden, Pinseln, einstellbarer Härte, Farbe und Strichstärke sehr nahe. Ein weiterer Vorteil der digitalen Skizzen und Varianten: So lassen sich ohne Zeitverlust elektronisch mit dem Kunden austauschen und über das Netzwerk gemeinsam betrachten und besprechen. Die digitalen 2D-Skizzen in den verschiedenen Ansichten dienen schließlich als Vorlage für die 3D-Modellierung. Der Designer setzt exakte Kurven passend in seine Skizzen, kopiert sie eventuell im virtuellen Raum, um in Alias daraus eine Grundform in 3D aufzuspannen, die dann im 3D-System weiter verfeinert und präzisiert wird.
Als Beispiel für die ökonomische Arbeitsweise schildert Rolf Schiller seine Entwicklung von Schutzhelmen für unterschiedliche Bereiche des Sports. Vorausgegangen war ein spezielles Entwicklungsprojekt für den Radrennfahrer und Olympiasieger Jens Fiedler. Danach begann 2003 in Zusammenarbeit mit dem Hersteller Casco die systematische Gestaltung eines Helms für die Rennfahrerinnen des Deutschen Skiverbandes. „Das war sicherlich der erste Helm, der komplett am Rechner entstand. Da hat sich Alias sehr gut bewährt", stellt Schiller fest. In der Folge entstanden unter aerodynamischen und ergonomischen Gesichtspunkten High-End-Produkte für unterschiedliche Einsatzbereiche. „Über die Jahre wurden mit Produkten aus dieser Entwicklungsreihe mehrere olympische Goldmedaillen in verschiedenen Disziplinen gewonnen."
Helmform kombiniert Aerodynamik und Ästhetik
Aus diesem Projekt ergab sich eine Helmform, die sowohl ästhetische als auch aerodynamische Anforderungen erfüllte. Das Basismodell lässt sich nun mit Alias sehr einfach für unterschiedliche Anforderungen modifizieren, beispielsweise durch Styling für die Marke Bogner oder sportliches Branding im Stil des Formel-1-Rennstalls Red Bull. Dabei ist die fotorealistische Visualisierung den physischen Modellen qualitativ absolut ebenbürtig und zudem leichter zu bearbeiten.
Die Aufgabe, aus der Helmgrundform einen Reiterhelm zu gestalteten, ging Schiller mit einer gewissen Skepsis an. Am Ende war er jedoch selbst überrascht, wie leicht er mit Alias den Weg zu einem Ergebnis fand, das die Anforderungen des Auftraggebers voll erfüllte. Der Helm wurde auf der Sportmesse ISPO im Jahr 2011 erstmals Kunden präsentiert. „Alias unterstützt die Kreativität und rasche Realisierung von Innovationen in einer Weise, wie das mit traditionellen Werkzeugen nicht denkbar wäre", so Schiller. Zudem bieten die digitalen Modelle mehr Flexibilität.
Entwicklungszeit 50 bis 70 Prozent verkürzt
Die Designer sind inzwischen erfahrene Alias-Anwender, die auf fünf bis 14 Jahre Erfahrung verweisen können. Der handwerkliche Modellbau gehört der Vergangenheit an. „Physische Modelle werden kaum noch eingesetzt. Unsere gesamte Arbeitsweise ist vollständig auf digitale Entwürfe und Prototypen abgestellt", erklärt Target-Design-Chef Kasten. „Der Modellbau in der Werkstatt war sehr zeitaufwendig, vor allem, wenn immer wieder Modifikationen am Modell vorzunehmen waren." Am digitalen Modell ist das alles entschieden leichter zu bewerkstelligen: „Unsere Entwicklungszyklen haben sich um rund 50 bis 70 Prozent verkürzt."
Autodesk; Telefon: 089 45227817
E-Mail: autodesk@fortispr.de
Der Autor Philipp Grieb ist IT-Redakteur in Taufkirchen bei München
