Mit Flügeltüren parkt sichs leichter
Herr Melkus, was hat Sie nach über 25 Jahren veranlasst, wieder mit der Melkus-Produktion zu beginnen?
Melkus: Seinerzeit wurden vom Melkus RS1000 101 Stück gebaut, von denen noch etwa 80 existieren. Über die Jahre hinweg gab es eine rege Nachfrage nach dem RS1000, die sich bis zum Jahr 2006 so zugespitzt hat, dass wir zwei oder drei Stück bauen wollten. Die Umsetzung war nicht einfach, da es keine CAD- und auch nur wenige Konstruktionszeichnungen vom damaligen Fahrzeug gab. Deshalb mussten wir einen neuen Prototypen aufbauen und konstruieren. Glücklicherweise konnten wir dazu auch Mitarbeiter rekrutieren, die schon damals für Melkus gearbeitet haben, so dass noch viel Know-how vorhanden war. Dieser Prototyp war im Winter 2006 fertig. Schlussendlich haben wir eine kleine Serie von 15 Fahrzeugen erstellt, die originalgetreu an die Kunden ausgeliefert wurde.
Die RS1000-Wiederbelebung war ein sehr enthusiastisches Projekt, in dem viel Herzblut steckt. Die Entwicklung der letzten zweieinhalb Jahre hat uns nun dahingehend gestärkt, es nicht als einschlafendes Projekt zu belassen. Wir werden mit dem RS2000 eine moderne Neuinterpretation draufsetzen.
Wer ist die RS1000-Kundschaft?
Melkus: Das sind Leute, die das Fahrzeug von früher kennen, es sich aber damals nicht leisten konnten. Andere finden das Konzept einfach unglaublich, was damals in der DDR umgesetzt wurde – auf Basis eines Wartburgs einen Sportwagen zu bauen.
Die Designphase des RS2000, dem Nachfolger des legendären RS1000 soll bis Ende 2008 abgeschlossen sein. Mitte 2009 soll die Produktion des Flügeltürers starten. Ein halbes Jahr vom Prototyp zur Serie, der Traum eines jeden Entwicklers. Wie schaffen Sie das bei den geltenden Zulassungsbestimmungen?
Melkus: Wie es auch in der Großserie üblich ist, bauen auch wir auf vorhandenen Plattformen auf; damals war das der Wartburg mit dem Kastenprofilrahmen und dem Wartburg-Zweitakter sowie diversen anderen Fahrwerks- teilen. Auch wir haben uns eine technische Basis für unseren RS2000 gesucht, die natürlich einen wesentlich sportlicheren Hintergrund hat, als das damals der Fall war. Zudem haben wir andere Voraussetzungen wie Großserienhersteller. Wir werden nach wie vor eine Manufaktur bleiben. Unsere Mitarbeiter bilden ein sehr spezialisiertes Team, das relativ unkompliziert und schnell Ideen umsetzen kann.
Der RS2000 soll mit 1,8-Liter-Motor auf den Markt kommen. Wie hält er den Vergleich mit anderen modernen Sportwagen stand?
Melkus: Unsere Philosophie ist der Bau agiler Leichtbausportwagen. Das Fahrzeug wird nicht mehr als 1000 Kilogramm wiegen. Deshalb brauchen wir keine großen V8-Motoren. Uns reicht ein Leistungsspektrum zwischen 200 und 300 PS, um in dieser Klasse mithalten zu können.
Wie erreichen Sie ein derart leichtes Auto?
Melkus: Zum einen ist ein Zweisitzer ein recht kleiner Sportwagen. Zum anderen gibt es kaum Bauteile, die schwerer sind, als sie sein müssen. Wir verwenden durchweg Leichtbaumaterialien, vom sehr leichten, aber steifen Aluminium-Chassis über diverse Magnesiumbauteile bis hin zur Karosserie, die teilweise aus kohle- oder glasfaserverstärktem Kunststoff besteht. Wir verfolgen sowohl den materiellen als auch den konstruktiven Leichtbau. In der Konstruk-tion kann man viel erreichen. Nur müssen wir aufpassen, den Leichtbau nicht zu übertreiben, damit die Stabilität gewährleistet ist. Der schwierigste Part ist die Konstruktion der Flügeltüren. Hier fließt viel Entwicklungszeit hinein. Die Türen müssen nicht nur sicher, sondern zudem verwindungssteif und dicht sein.
Warum hat der Melkus eigentlich Flügeltüren?
Melkus: Da die Tür bei einem Coupé recht weit aufschwingt, kann es zu Parkproblemen kommen. Beim RS1000 hingegen schwenkte die Türe maximal 20 Zentimeter nach außen. Damit kann man eng parken. Hinzu kommt der hohe Einstiegskomfort. Da wir den Sitz auf der Bodenwanne positioniert haben, fällt der Fahrer relativ tief in den Sitz. Bei einem Coupé ist es immer schwierig, sich am Dachholm „einzufädeln“ und die richtige Sitzposition zu finden. Bei einer Flügeltür hingegen hat man ähnliche Kopffreiheit wie bei einem Cabrio.
Ihr Onkel Ulli Melkus ist 1990 bei einem tragischen Verkehrsunfall ums Leben gekommen. Hat sich diese Tatsache auf das Sicherheitsdenken für den RS2000 ausgewirkt?
Melkus: Mein Onkel ist damals in einem Fahrzeug gefahren, dass sicher nicht den heutigen Sicherheitsstandards genügt. Das ist sicherlich ein Grund, wenn auch nicht der Hauptgrund, warum das neue Fahrzeug auf enorme aktive und passive Sicherheit aufgebaut ist. Ruft man eine Kleinserie ins Leben, muss man alles tun, um dem Kunde so viel Schutz wie möglich zu bieten. Wenn wir ein Fahrzeug ausliefern, will ich mir 100 Prozent sicher sein, dass es sich nicht um ein gefährliches Sportgerät handelt. Demzufolge sind Fahrer- und Beifahrerairbags serienmäßig vorhanden. Es gibt eine Sicherheitszelle, die Rennsportkriterien erfüllt, serienmäßige Fahrhilfen wie ABS, das auf die Rennstrecke abgestimmt und damit Motorsport tauglich ist sowie eine Traktionskontrolle.
Wie hoch ist der Eigenentwicklungsanteil bei einer kleinen Marke wie Melkus?
Melkus: Der liegt bei geschätzten 50 Prozent. Wir sind spezialisiert auf die Entwicklung der gesamten Karosserie sowie des Exterieurs und Interieurs. Zudem werden wir die Performance des Fahrzeugs durch Fahrwerkskomponenten und ein Kompressorkit deutlich steigern.
Worin besteht konkret Ihr Know-how?
Melkus: Das Know-how wird neu erarbeitet. Mit dem neuen Fahrzeug machen wir einen sehr großen Schritt nach vorn. Demzufolge übernehmen wir auch viele Teile, die wir nicht selber entwicklen, sondern die seit Jahren auf der Straße in der Großserie erprobt sind. Unser Know-how wird in einer sehr guten Aerodynamik liegen, im Leichtbau und in der Integration alternativer Antriebstechnologien. Dabei fließen unsere Erfahrungen aus über 50 Jahren Renn- und Sportwagenbau und den vielen Jahren im Motorsport natürlich überall mit ein.
Wie gestaltet sich denn die Zusammenarbeit mit den Großserienherstellern?
Melkus: Wir beschränken uns auf einen englischen Sportwagen Automobilhersteller, dessen technische Basis 1:1 übernommen wird. Der Hersteller ist mit etwa 3000 gefertigten Fahrzeugen pro Jahr auch ein Kleinserienhersteller. Erst wenn das fertige Fahrzeug dort vorgestellt wird, ist eine Kooperation denkbar. Interesse ist aber durchaus vorhanden.
Unterziehen Sie ihre Autos den klassischen Tests der Großserienhersteller?
Melkus: Wir werden unsere Fahrzeuge ausgiebig auf der Rennstrecke testen. Wenn sie das mitmachen, bestehen sie auch auf der Straße.
Welche Pläne haben Sie nach dem RS2000?
Melkus: Denkbar wäre eine reine Cabriovariante und später ein Fahrzeug, das mehr Platz als ein Zweisitzer bietet. Ein Traum wäre auch eine eigene Rennserie mit Melkus-Fahrzeugen. Die Zukunft sehen wir zudem in alternativen Antriebstechnologien. Wir wollen alternative Antriebstechnologien verbauen als auch selbst eigene entwickeln. Dazu brauchen wir einen starken Partner, da so ein Sportwagen immer ein hervorragender Innovationsträger ist.
Wer finanziert die Entwicklungskosten?
Melkus: Den Start der Melkus Sportwagen KG konnten wir aus eigenen Mitteln finanzieren. Im Augenblick können wir mit den Kundengeldern arbeiten. Bei Produktionsbeginn ist eine Anzahlung fällig, vor der Endmontage eine zweite Rate. Für die Entwicklung des neuen Fahrzeuges haben wir Privatinvestoren gesucht, die als stille Teilhaber fungieren. Damit ist die F&E-Phase sichergestellt.
Fotograf: Thomas Klink
Melkus; Telefon: 0351/3141330; E-Mail: sepp.melkus@melkus-sportwagen.de
Das Interview führte Denise Fröhlich, Redakteurin der AutomobilKONSTRUKTION
Technische Daten RS2000
· Leistung: 270 PS (1800 ccm, 4-Zylinder-Benziner, Kompressor aufgeladen)
· von 0 auf 100 km/h: <5 s
· Höchstgeschwindigkeit: 250 km/h (nicht abgeregelt 270 km/h)
· Gewicht: <1000 kg
· Maße: 4 m lang, 1,8 m breit, 1,12 m hoch
· Radstand: 2,45 m
· Aluminium-Chassis, verstärkt durch Mittelzelle nach FIA-Norm
· Außenhaut aus Kohle- und Glasfaserbauteilen
· Fahrwerk mit doppelten Dreiecklenkern vorn und hinten, innen liegende Feder-/Dämpfereinheit
· Mittelmotor, Heckantrieb
· Fahrer- und Beifahrerairbag, ABS, Traktionskontrolle
· Preis etwa 80 000 €
· Stückzahlen: 20 bis 25 Fahrzeuge pro Jahr
