Gas geben!
Welche Stellung nimmt Trelleborg und insbesondere Trelleborg Sealing Solutions auf dem Markt der Automobilindustrie ein?
Sanguinette: Der Konzern Trelleborg ist in zwei Geschäftsbereichen für die Automobilindustrie tätig. Während sich Trelleborg Automotive im Wesentlichen mit der Schwingungsdämpfung beschäftigt, bietet Trelleborg Sealing Solutions Lösungen in der Dichtungstechnik für Industrie, Aerospace und Automobiltechnik. In der Automobilindustrie sind wir in von uns ausgesuchten Nischen Marktführer oder streben die Marktführerschaft an. Dazu gehören die Fahrwerkstechnik und das O-Ring-Geschäft, besonders für Applikationen, die in direktem Kontakt mit Kraftstoffen oder Abgasen stehen. Die O-Ringe dichten hier von der Zuführung über Einspritzung bis in die Abgasnachbehandlung. Zudem haben wir uns auf Formteile für Deckelabdichtungen von Gehäusen spezialisiert. Wir entwickeln außerdem Dichtungen für Klimaanlagen, Servolenkungen und Getriebe.
Welche Trümpfe spielen Sie gegenüber Ihrem Wettbewerb aus?
Sanguinette: Das Bestreben unserer Forschung und Entwicklung ist es, Lösungen anzubieten, die es heute am Markt noch nicht gibt. Beispielsweise unterscheiden wir uns vor allem durch die Entwicklung immer neuer Werkstoffe hauptsächlich für O-Ringe. Applikationen im Bereich Abgasnachbehandlung fordern uns dabei ebenso wie die hohen Ansprüche alternativer Kraftstoffe. Bei den Formteilen beziehungsweise Deckeldichtungen haben wir einen Quantensprung eingeleitet: Wir haben unser patentiertes Verfahren – das großflächige Laminieren von kallandierten Elastomerbahnen auf Metalle – jetzt auch für den Einsatz in der Dichtungstechnik weiterentwickelt, welche eine Fülle von Prozessschritten erspart. Eine weitere noch in der Pipeline befindliche ähnliche revolutionäre Entwicklung werden wir voraussichtlich im nächsten Jahr präsentieren.
Auch im Bereich Biokraftstoffe bieten wir ein breites Portfolio an Werkstoffen an, die Temperaturfenster von minus 40 bis plus 200 Grad Celsius zulassen und zugleich bioverträglich sind. Mit unseren Zurcon-Werkstoffen aus thermoplastischem Polyurethan sind wir jetzt in der Lage, komplexe dynamische Hydraulikdichtungen mit technisch hochentwickelten Anlagen vollautomatisch in Großserie preisgünstig zu produzieren.
Verraten Sie uns etwas mehr über die zu erwartende Innovation?
Sanguinette: Nur so viel: Wir werden Verbundwerkstoffe herstellen, die aus bis zu fünf Lagen unterschiedlichen Materialien bestehen. Diese werden flächig zusammengeführt, woraus sich Produkte stanzen und tiefziehen lassen, die es so im Markt noch nicht gegeben hat. Beispielsweise könnten Führungsbänder im Fahrwerk künftig durch solche Produkte montageoptimiert eingebaut werden.
Was verbirgt sich hinter dem Laminieren?
Sanguinette: Ursprünglich hat Trelleborg das Laminieren zum flächigen Aufbringen von Elastomer auf Metall entwickelt. Das Verfahren gibt es also schon sehr lange und wurde bisher in automobilen Anwendungen zur Dämpfung von Schwingungen und als Korrosionsschutz eingesetzt, in erster Linie bei Bremsen. Mit dem neu entwickelten „Laser Seal“-Verfahren kommen die Vorteile des Laminierens nun auch der Dichtungstechnik zugute. Mit Hilfe moderner Lasertechnik kann man nun einen selektiven, steuerbaren Abtrag des Elastomeres zur Erzielung von Präzisionsdichtungen erzielen.
Welche Vorteile haben diese Dichtungen?
Sanguinette: Die flächig mit Elastomer versehenen Deckel gewährleisten die Funktionen Schwingungsdämpfung, Korrosionsschutz und Dichtung in einem. Diese Deckel ersetzen viele bisher notwendige Prozessschritte, da auf den Deckel zunächst der Dichtungswerkstoff aufgebracht wird und anschließend als Einheit bearbeitet werden kann. In Summe reduzieren wir damit die Arbeitsschritte zur Erstellung eines Deckels mit integrierter Dichtung auf drei vollautomatische Arbeitsschritte: Laminieren, Stanzen/Tiefziehen und Strukturieren. Damit entfallen nicht nur viele Fehlereinflüsse, sondern auch Kosten, welche die geringen Mehrkosten des Bauteils mehr als ausgleichen. Gleichzeitig ermöglicht die umlaufende Dichtungskontur eine Fixierung und damit eine Montagevereinfachung. Ein weiterer Vorteil ist die mögliche Dicke von 0,08 bis 2,75 Millimeter des aufzutragenden Elastomers, die bei konventionellen Verfahren wie Siebdruck oder Sprühen auf 0,1 Millimeter begrenzt ist. Durch die souveräne Haftung der Dichtung auf dem Metall sind wir in der Lage, einen Deckel für Pumpen mit hohen Drücken zu realisieren. Zunächst haben wir uns auf Steuergerätedeckel konzentriert, werden das Anwendungsfeld aber ausbauen.
Welches Potenzial erwarten Sie für diese Bauteile?
Sanguinette: Bei den Bremsen decken wir heute einen Weltmarktanteil von rund 40 bis 50 Prozent ab. Nach erfolgreichen Tests sind wir derzeit im Begriff, das neue Verfahren in der Automobilindustrie einzuführen, wofür wir gerade den ersten Serienauftrag erhalten haben. Durch die zahlreichen Vorteile erwarten wir eine ähnliche Flächendeckung wie bei den Bremsen.
Darf eine Dichtung im Auto noch ausfallen?
Sanguinette: Nein. Es sind zwei Punkte auf die es ankommt: Die Dichtung darf nicht ausfallen und sie muss sich effizient montieren lassen. Von der Wertigkeit her ist sie ein C-Teil, während sie von der Funktion her als A-Teil Anspruch erhebt. Wenn eine Dichtung ausfällt, gibt es in aller Regel einen Schaden oder ein Problem, das sonst nicht aufgetreten wäre.
Welches Know-how bieten Sie für die Fahrwerkstechnik?
Sanguinette: In Fahrwerksapplikationen sind wir bei speziellen Anwendungen im Massenmarkt preislich sehr attraktiv bis zum High-End Bereich, wo die Technik und Funktionen im Vordergrund stehen. Wir haben mit einem Entwicklungspartner das „Active Body Control“ entwickelt, welches das Fahrzeugniveau konstant hält. Es reduziert die Wankneigung bei Kurvenfahrten und dämpft Fahrwerksschwingungen bis zu sechs Hertz. Für die zum Einsatz kommende Hochdruckhydraulik sind Dichtungen nötig, die extremen Drücken, Geschwindigkeiten und Temperaturen standhalten müssen und zugleich niedrige Reibwerte erzielen. Hier setzen wir auf unsere Turcon-Lösungen aus hochwertigen PTFE-Werkstoffen mit patentiertem Design, beispielsweise Turcon Twinseal. Darüber hinaus beschäftigt uns die Frage, wie wir preislich sehr attraktive und neue Dichtungskonzepte in der Serie realisieren können, zum Beispiel im Bereich Dichten und Führen als eine Einheit.
Auf welcher Station befindet sich Trelleborg auf dem Weg durch die Wirtschaftskrise?
Sanguinette: Wir haben das Glück, dass wir mit unserem Portfolio in viele Massenbedarfsbereiche liefern. So konnten wir von der Abwrackprämie profitieren und stehen heute nach der schlechten Situation Anfang des Jahres deutlich besser da. Der Bereich High-End Lösungen für das Prämienfahrzeugsegment macht uns noch Schwierigkeiten. Eine Erholung wird sicher noch eine Zeit dauern. Der durch den Massenmarkt getriebene Aufwärtstrend erlaubt uns aber weiterhin volle Manövrierfähigkeit. Zudem profitieren wir von den starken Automobilentwicklungen in Asien, weil wir weltweit sehr gut aufgestellt sind.
Was hat sich Trelleborg für den kommenden Aufschwung vorgenommen?
Sanguinette: Gas geben! Schneller sein als der Wettbewerb. Wir haben unser Know-how gebündelt, indem wir die Mitarbeiter der einzelnen Produktsparten zusammengebracht haben. So können sie sich gegenseitig besser befruchten und die Entwicklung beschleunigen. Wir haben die Krise genutzt, um Funktionen zu zentralisieren, damit wir eine größere Schlagkraft bekommen. Natürlich haben wir den Außendienst dort gelassen, wo unsere Kunden sind, die mehr und mehr europäisch aufgestellt sind. Dem haben wir Rechnung getragen, indem wir die Bearbeitung des Automobilmarktes in eine einheitliche Führung gegeben haben.
Das Interview führte Angela Scheufler, Redakteurin AutomobilKONSTRUKTION
Trelleborg;
Telefon: 0711 7864 368;
E-Mail: gisela.mayer-marc@trelleborg.com
Fotos: Tom Oettle
Firmenprofil
· Gegründet: 1954 (Trelleborg AB 1908)
· Standort: Stuttgart
· Mitarbeiter: 455
· Umsatz 2008: 313 Mio. €
· Produkte: Dichtungen und Dichtungslösungen
· Aufstellung: Global 40 Vertriebsgesellschaften und 25 Fertigungswerkstätten mit zusammen 5500 Mitarbeitern
