Zeppelins Erbe
Herr Dr. Paul, wie geht ZF mit der gegenwärtigen Krise in der Automobilindustrie um?
Dr. Paul: Wir sind natürlich auch von den Stückzahlrückgängen in der Branche betroffen. Daher bereiten wir uns darauf vor, in den nächsten Monaten unsere umfangreichen Flexibilisierungsinstrumente einzusetzen. Der größte Hebel sind die gut gefüllten Zeitkonten unserer Mitarbeiter. Wir gehen heute davon aus, dass wir die zu erwartende Delle damit überstehen können. Eine wirklich qualifizierte Einschätzung ist aber aus heutiger Sicht noch nicht möglich.
Mit welchen Schwerpunktthemen beschäftigt sich ZF?
Paul: Unser Portfolio ist umschrieben mit Antriebs- und Fahrwerktechnik für die verschiedenen Fahrzeugkategorien Pkw, Nutzfahrzeuge, Arbeitsmaschinen, Schiffe und Luftfahrt. Dabei nimmt der Pkw-Bereich etwa zwei Drittel unseres Geschäftes ein. Unser Fokus ist, in allen Bereichen zu wachsen. Dazu haben wir uns seit langem divisional strukturiert aufgestellt. Die den einzelnen Unternehmensbereichen zugeordneten Arbeitsfelder haben alle die Zielsetzung, eine technologisch führende und im Markt vordere Position einzunehmen.
Auf welches Antriebskonzept setzt ZF sein Hauptaugenmerk und warum?
Dr. Paul: Wir verfolgen entsprechend den unterschiedlichen Fahrzeugkategorien verschiedene Antriebskonzepte. Bei Nutzfahrzeugen sehen wir heute einen eindeutigen Trend zu automatisch schaltenden Getrieben. Die Technologie baut auf das manuelle Getriebe auf, welches aber durch eine entsprechende Aktuatorik automatisiert ist. Über die automatische Gangwahl wird sichergestellt, dass in jeder Betriebssituation der optimale Gang gewählt wird. Bei bis zu sechzehn Gängen ist das keine triviale Aufgabe.
Die Sportwagen erfordern besonders hohe Performance und Schaltgeschwindigkeit. Hier haben wir mit dem neuen Doppelkupplungsgetriebe für Porsche ein Zeichen gesetzt. Die High Performance besteht bei dem Sieben-Gang-Getriebe darin, dass wir mit der optimalen Gangstufung Fahrleistung und Beschleunigungsperfomance verbessern und zudem einen moderaten Kraftstoffverbrauch realisieren konnten.
Bei den übrigen Kfz sind die Anforderungen ähnlich. Hier sind Kraftstoffverbrauch und Kosten entscheidend. Wir entwickeln Getriebekonzepte, die die Fahrleistung verbessern und den Verbrauch reduzieren. Beide Ziele schließen sich nicht aus, sondern müssen mit der erforderlichen Ingenieurkunst in Einklang gebracht werden. Im nächsten Jahr werden wir mit der Serieneinführung unseres bereits vorgestellten Acht-Gang-Automatgetriebes ein Zeichen setzen. Es bringt eine etwa sechsprozentige Verbrauchsreduzierung gegenüber den heute in Serie befindlichen Sechs-Gang-Getrieben und definiert einen neuen Stand der Technik.
Auch dem Gebiet der manuellen Getriebe entwickeln wir derzeit eine neue Getriebegenera- tion, die auch wieder einen Beitrag zur Kraftstoffeinsparung leisten wird. Das Thema der Hybridisierung verfolgen wir für den Nutzfahrzeug- und Pkw-Bereich. Hingegen verfolgen wir beim Pkw nicht mehr die Technologie der CVT-Getriebe, weil sie heute bei unseren europäischen Kunden nicht mehr gefragt ist.
Wie ist Ihr aktueller Entwicklungsstand in der Fahrwerktechnik?
Dr. Paul: Die Fahrwerktechnologie befindet sich auf einem hohen Niveau. Das gilt für konventionelle als auch für geregelte Fahrwerke. Für letztere bieten wir eine große Palette an geregelten Dämpfern und Stabilisatoren an, die noch mal eine wesentliche Verbesserung dieses ohnehin hohen Niveaus erlauben. Zur Fahrwerktechnik zählen wir auch die Lenkungstechnik. Bei der Elektrolenkung sind hinsichtlich Funktionalität und Kraftstoffverbrauch enorme Fortschritte erzielt worden. Wir gehen davon aus, dass die elektrische Lenkung in den Fahrzeugkategorien, in denen sie von der Leistungsfähigkeit her ausreicht, im nächsten Jahrzehnt die hydraulische ersetzen wird. Bei den Stabilitätsfunktionen sind die Grundfunktionalitäten heute weitgehend vorhanden. Nun geht es darum, diese noch effizienter und weniger gewichts- und verbrauchsintensiv zu gestalten. Ähnlich wie bei der Lenkung wird es auch bei den anderen Fahrwerkregelfunktionen einen Wechsel von der hydraulischen zur elektromechanischen Aktuierung geben.
Ein aktueller Trend in der Automobilindustrie ist die globale Standardisierung. Trifft das auch auf Ihre Produktpalette zu?
Dr. Paul: Es ist immer eine wichtige Zielsetzung, Skaleneffekte zu erreichen. Auch wir stellen Standardisierung im Rahmen unserer Produktpalette dar und versuchen über die verschiedenen Kunden hinweg so viele gleiche Komponenten wie möglich einzusetzen. Allerdings begrenzen die individuellen Anforderungen der Fahrzeuge den Grad der Standardisierung auf der mechanischen Seite. Hinsichtlich der Software als wichtiges Element, beispielsweise in elektronisch gesteuerten Getrieben, versuchen wir über entsprechende modulare Aufbauten dieser Softwarearchitektur Standards zu schaffen. Hier gibt es noch einiges Potenzial.
Wie realisieren Sie die heute erforderlichen elektrisch/elektronischen Entwicklungen?
Dr. Paul: ZF besitzt lange Erfahrung und Expertise auf dem Gebiet der E/E-Entwicklung. Bereits seit mehr als 25 Jahren setzt ZF beispielsweise in seinen Automatgetrieben elektrohydraulische Steuerungen ein. Auch im modernen Bereich der Hybridtechnik besitzen wir eine hohe, lange vorbereitete Kompetenz. Erst im Mai diesen Jahres haben wir die erste Fabrik für Hybridmodule auf europäischem Boden für derzeit acht Serienaufträge in Schweinfurt eröffnet. Mit dem gerade erfolgten Zukauf von Cherry stärkt ZF seine E/E-Kompetenz durch zusätzliche Anwendungsgebiete und durch eigene Produktionsinhalte.
Die OEM fordern derzeit sehr intensiv von ihren Zulieferern, dass diese noch flexibler, effizienter und kostengünstiger werden. Wie geht ZF damit um?
Dr. Paul: Wir nehmen diese Herausforderung an, indem wir unseren Gesamtprozess tagtäglich auf den Prüfstand stellen. Das betrifft sowohl die Entwicklungsprozesse als auch die Produktionsprozesse. In der Entwicklung optimieren wir die Prozessabläufe und verfeinern permanent unsere Entwicklungswerkzeuge. Gerade hier in Friedrichshafen beschäftigen wir uns sehr intensiv mit Auslegungs- und Berechnungsmethoden, Simulation und so weiter. Neben den kommerziellen Produkten setzen wir eigens entwickelte Werkzeuge ein. Mit ihnen optimieren wir die Entwicklungen bis zu dem Zeitpunkt, wo die ersten Prototypen aufgebaut werden. So können wir mit großer Sicherheit davon ausgehen, dass sie funktionieren und die spezifizierten Ziele erreichen. Auch auf der Produktionsseite sind die Prozessverbesserungen eine tägliche Aufgabe. Wir haben dazu ein spezifisches ZF-Produktionssystem entwickelt, welches wir in den Werken mit jeweils unterschiedlichen Ausprägungen den Bedarfen entsprechend ausrollen.
Gibt es weitere maßgebliche Anforderungen, denen Sie gegenüberstehen?
Dr. Paul: Neben der Kraftstoffeinsparung und dem Kostendruck wirkt sich das Downsizing der Motoren auf unsere Antriebe aus. Weniger Hubraum und Zylinder führen zu einer höheren Aufladung. Eines der charakteristischen Merkmale dieser aufgeladenen Motoren ist, dass der Verbrennungsvorgang härter erfolgt. Dies stellt höhere Anforderungen an die Schwingungsdämpfung im Anschluss an den Motor. Ein Element aus der Logistik ist die Bedienung unserer Kunden auf internationaler Ebene. Sie erwarten, dass wir unsere moderne Technologie weltweit mit dem entsprechenden ‚Local Content’ zur Verfügung stellen.
Wie sehen Sie als Automobilzulieferer die politischen Vorgaben hinsichtlich CO2-Einsparung und Umweltschutz?
Dr. Paul: Fahrzeughersteller und Zulieferer sind in der allgemeinen politischen Diskussion um diese Themen nicht reaktiv sondern aktiv unterwegs. Wir nehmen für unser Unternehmen in Anspruch, dass wir nicht von der Politik oder Interessensverbänden getrieben werden müssen, um einen Beitrag zu leisten, damit die Mobilität umweltgerechter wird. Es ist unser ureigenstes Anliegen, denn wir wollen ja auch noch in zwanzig Jahren für die Automobilindustrie produzieren können.
Welche Bedeutung haben Autos für Sie persönlich; sind Sie ein leidenschaftlicher Fahrer?
Dr. Paul: Wenn man in der Automobilindustrie arbeitet, muss man Spaß an Autos haben und den habe ich auch. Ich fahre gern und noch relativ viel selbst. An den Wochenenden fahre ich neue Prototypen, um zu verstehen, wie diese Autos und in ihnen unsere Produkte wirken. So kann ich über ihre neuen Fahrzeuge qualifiziert mit unseren Kunden reden, die sich letztlich auf unsere Komponenten verlassen.
ZF Friedrichshafen; Telefon: 07541 77 2543
E-Mail: thomas.wenzel@zf.com
Das Interview führte AutomobilKONSTRUKTION- Projektleiterin Angela Scheufler
Firmenprofil:
· Gegründet: 1915
· Zentrale: Friedrichshafen
· Mitarbeiter: 60 000
· Umsatz 2007: 12,6 Mrd. €
· Investition in F&E 2007: 694 Mio. €
· Produkte: Antriebs- und Fahrwerktechnik
