Im Zeichen der Zeit
Wer ist und woher kommt Boysen?
Geisel: Die Wurzeln unseres 1921 gegründeten Unternehmens liegen in Leipzig. Firmengründer Friedrich A. Boysen hat bereits ein Jahr zuvor Pionierarbeit geleistet mit seinem Prüfstand für Abgasschalldämpfer, dessen Einsatz bis dahin weltweit einmalig war. Bei seinen Untersuchungen auf den Gebieten der Akustik und Strömungsdynamik hat er als erster den Einfluss der Abgasführung auf Ladungswechsel, Motorleistung und Drehmomentverlauf berücksichtigt. Mitte der 90er Jahre hat Frau Boysen das Unternehmen in eine Stiftung umgewandelt, weil es in der Familie keine Nachkommen gibt. In dieser Organisationsstruktur haben wir uns bis heute zu einem erfolgreichen mittelständischen Unternehmen entwickel können.
Boysen hat sich auf die Abgastechnologie spezialisiert. Welche Innovationen bieten Sie hierfür?
Geisel: Wir entwickeln und fertigen Rohrkrümmer, Katalysatoren, Dieselpartikelfilter, Schalldämpfer und komplette Abgassysteme. Zur IAA 2009 haben wir ein Abgaskonzept vorgestellt, an dem wir etwa fünfzehn Maßnahmen gezeigt haben, mit denen sich insgesamt zehn Prozent Kraftstoff einsparen lassen. In den nächsten sechs bis zehn Jahren arbeiten wir daran, diese in neu gebauten deutschen Fahrzeugen zur Serienreife zu bringen. Ich nenne Ihnen beispielhaft ein paar davon: Unsere Niederdruck-Abgasrückführung (AGR) erfüllt die strengen NOx-Grenzwerte der Emissionsnorm EU6 für den Dieselmotor. Es bietet einige Vorteile gegenüber den heute üblichen Systemen der selektiven katalytischen Reduktion (SCR). Die AGR ist technisch weniger aufwändig, kostengünstiger herzustellen und nicht so Abgasgegendruck intensiv. Für die SCR Systeme haben wir Mischer patentiert, mit denen wir die Verteilung und Verdampfung von Harnstoff optimieren konnten. Eine weitere Maßnahme sind unsere Energierückgewinnungssysteme. Diese entziehen dem Abgas Wärme, wandeln sie in elektrische Energie um und speisen sie in das Bordsystem ein. Mit unseren Leichtbaukrümmern, motornahen Dünnwandkeramik-Katalysatoren, aus Blech gefertigten Turboladergehäusen und lasergeschweißten Schalldämpfern ermöglichen wir Gewichtseinsparungen in der Größenordnung von 20 bis 25 Prozent.
Im Krisenjahr 2009 haben Sie mit einem dritten Gebäude Ihren Versuch erweitert. Zu Planungsbeginn konnten Sie noch nicht mit einer Wirtschaftskrise rechnen. Können Sie die Investition heute voll ausnutzen?
Geisel: Etwa 2005 haben wir erkannt, dass sich künftige Antriebskonzepte negativ auf unsere einzige Kompetenz „ Abgastechnik“ auswirken werden und wir somit unseren Entwicklungsbereich verbreitern müssen. Schon 2007 hat sich das Thema Downsizing von Motoren sehr klar abgezeichnet, das sich ebenfalls schlecht auf unser angestammtes Geschäft auswirken wird. Bereits heute arbeitet daher eine Entwicklungsmannschaft an Produkten für den nicht automobilen Bereich. Um hier auch nicht abgastechnische Entwicklungen realisieren zu können, haben wir unseren Versuch III gebaut, den wir somit auch auslasten.
Was werden das für neue Geschäftsbereiche sein?
Geisel: Wenn man wie wir Erfahrung mit Wärmetauschern, Wärmeenergie und so weiter hat, liegt es nahe, dieses Know-how auch auf anderen Gebieten einzusetzen. Das Thema Energie wird seine entscheidende Rolle nicht mehr ablegen. Überall dort, wo Abgasreinigung, Abgaswärme und Energieeffizienz eine wichtige Rolle spielen, gibt es für uns Potenzial. Mehr möchte ich dazu noch nicht verraten. Vielleicht können wir bis Ende des Jahres Konkreteres dazu sagen.
Sie konnten in den letzten Jahrzehnten beständig zweistellige Umsatzzuwächse generieren. Wie sehr krisengebeutelt wurde Boysen in den letzten zwei Jahren?
Geisel: Seit genau 30 Jahren haben wir jedes Jahr Wachstum realisiert. Im Jahr 2009 werden wir voraussichtlich den Umsatz von 2008 nur knapp verfehlen und nach drei Jahrzehnten erstmals einen leichten Rückgang verzeichnen. Wir haben vom Oktober 08 bis Juni 09 etwa 30 Prozent weniger Umsatz generiert als im Vergleichzeitraum 2007/2008. Trotzdem haben wir neben unserem Versuchsgebäude auch das neue Produktionswerk in Plauen wie geplant zu Ende gebaut. Im Jahr 2008 haben wir übrigens 85 Millionen Euro investiert, bei einem Umsatz in Höhe von 645 Millionen Euro.
Ihre Bilanz 2009 liegt weit über dem Branchendurchschnitt. Wie haben Sie das erreicht?
Geisel: Als Systempartner für Abgastechnik bieten wir den OEM auf Basis unserer besonderen Unternehmensstruktur ein umfangreiches Leistungspaket mit den drei Schwerpunkten Entwicklung, Prozessoptimierung und Logistik. Wir vertreten die Grundphilosophie, dass alles, was in Deutschland verbaut auch hier hergestellt wird. In der Vergangenheit haben wir alle unsere Prozesse ständig optimiert. Darüber hinaus bieten wir unseren Automobilisten eine komplette logistische Optimierung. Das beginnt bei uns in der Produktion und erstreckt sich auf die Anbindung an die Montagewerke der Kunden, und zwar quer durch sämtliche Anwendungen. Ein entscheidender Punkt ist unsere Innovationskraft. In 2009 werden wir voraussichtlich das größte Entwicklungsbudget unserer Unternehmensgeschichte realisiert haben. Wir sind stolz auf unsere hoch motivierte 200 köpfige Entwicklungsmannschaft. Um hier konsequent weiter arbeiten zu können, haben wir auch in 2009 zusätzliches Personal aufgebaut.
Welche technischen Anforderungen der OEM fordern Ihre Ingenieure aktuell heraus?
Geisel: Die größte Herausforderung ist es, einen Preis zu erzielen, bei dem unterm Strich noch etwas übrig bleibt. Alle anderen Vorgaben sind irgendwie machbar. Ein technologischer Schwerpunkt ist heute die Langlebigkeit der Abgastechnik. Wir arbeiten seit Jahren intensiv daran, dass ein Abgassystem kein Wegwerfprodukt mehr ist, sondern ein Autoleben lang halten muss, also Minimum zehn Jahre. Eine große Herausforderung sind immer wieder die begrenzten Platzverhältnisse.
Wie setzen Sie die Forderungen um?
Geisel: Man versucht heute mit Leichtbaukonzepten und kleineren Volumina eine adäquate Schalldämpfung zu erreichen. Die jüngste Innovation ist hier die elektrisch gesteuerte Abgasklappe, die den Abgasstrom in Abhängigkeit von der Drehzahl stufenlos lenken kann. Damit lässt sich Volumen einsparen. Zudem setzen wir Tailored Blanks und Tailored Tubes ein, um Gewicht zu sparen und dennoch die nötige Festigkeit und Dauerhaltbarkeit zu erreichen. Auch in der Abgasreinigung gibt es neue Konzepte: Wir arbeiten ständig daran, mit besserer Katalysatortechnik den Abgasgegendruck zu verringern, und mit kleineren Volumina die geforderten Emissionsgrenzwerte zu erreichen. Hier kommen Dünnwand- oder gar Ultradünnwandkatalysatoren zum Einsatz. Weil die keramischen Träger massiv thermisch belastet werden und extrem bruchgefährdet sind, werden spezielle Lagerungskonzepte benötigt, um die Dauerhaltbarkeit zu gewährleisten.
Sie sagen, Boysen sei ständig auf der Suche nach dem idealen Verhältnis zwischen Leichtbau und Langlebigkeit, Abgaswerten und Akustik. Wo sehen Sie dieses Ideal?
Geisel: Pauschal lässt sich diese Frage nicht beantworten. Wir bewegen uns hier in einem Spannungsfeld. Daher müssen wir für jede Anwendung von Neuem nach dem Optimum suchen. Auf keinen Fall darf ein vielversprechendes Leichtbaukonzept zu Lasten der Langlebigkeit gehen oder ein verringerter Abgasgegendruck zu Lasten des Gewichts.
Boysen ist neben Amerika auch in Asien engagiert. Bezieht sich das auch auf asiatische Marken oder vornehmlich auf das dort präsente deutsche beziehungsweise europäische Premiumsegment?
Geisel: Wir haben uns von dem reinen Premiumgedanken verabschiedet und streben eine Präsenz praktisch über das komplette Fahrzeugspektrum an. In China sind wir heute für unsere deutschen OEM BMW und Mercedes tätig. Damit waren wir bisher ausgelastet. In der nächsten Stufe werden wir uns auch mit den Low Cost-Fahrzeugen des chinesischen Marktes beschäftigen. In Europa wird es ganz sicher kein Wachstum mehr geben, also sehen wir in diesen Märkten das einzige Potenzial im Automobilsektor. Die Asiaten sind durchaus in der Lage, Produkte mit europäischem Standard herzustellen. Was ihnen fehlt, sind Know-how und Erfahrung des Zusammenspiels der einzelnen Komponenten. Für uns ein schöner Ansatz.
Das Interview führte Angela Scheufler, Redakteurin AutomobilKONSTRUKTION
Fotos: Tom Oettle
Friedrich Boysen; Telefon: 07453 20274; E-Mail: martin.stuka@boysen-online.de
Firmenstenogramm:
· Gegründet: 1921 in Leipzig, Neugründung 1945 in Stuttgart
· Standort: Altensteig (seit 1949)
· Mitarbeiter: 1750 weltweit, davon 1500 in Deutschland
· Umsatz 2009: 630 Mio. €
· Investitionen in F&E 2009: 8 %
· Produkte: komplette Bandbreite der Abgastechnik vom Krümmer über Katalysatoren und Dieselpartikelfilter bis hin zu Schalldämpfern und Endrohrblenden
